Kurzprosa

Kurzprosa

Worthülsen  

Im flackernden Kerzenschein wabernde Staubwolken und diffus aus dem Winkel ein gezischtes Stoßgebet, slawisch hart mit rollendem R und guttural versenkten Vokalen.
„Schnauze dahinten!“ hämmert es hochdeutsch von vorn. “Sagt ihr endlich, daß sie die Schnauze halten soll!“ Und ohne abzuwarten drängt sich einer der Landsturmsenioren, Daumen hinter das Koppel gehakt, zwischen die aufgereihten, schlotternden Knie hohlwangiger Gestalten gleich ergebener Zebras, rudert voran, vorbei an Gesichtern, die geduckt dem stierigen Vorwärtsdrang folgen, dorthin, wo eine sackig Gekleidete zwischen bröckelndem Putz ihre Litanei zu einem unkontrollierten Stakkato steigert und manisch auf der Holzbank schaukelt vor spinnfädenüberzogenem Kellerkalk.
Mit dem nächsten luftschneidenden Gesirre und dumpfen Einschlägen, die sich in den Untergrund wühlen, steht er über ihr und schlägt links rechts mit der flachen Hand blindlings ins sabbernde Gesicht, daß sie einen Moment hochruckt, dann aber zusammensackt, angeschossenes Zebra, und am Schläger vorbei verwundert auf die rieselnde Kalkwand starrt, als wolle sie sich fragen, ob diese Erschütterungen des Lehmbodens von den Schlägen, den Bombenabwürfen oder der wummernden Flak über ihnen herrühren, während der Landstürmer zu  seinesgleichen zurückgestampft ist und nun mit Mundtotmacheraugen um sich linst, die Hände knetet und zu jedem Einschlag den Ehering befingert, gebetsmühlenhaft.
Zwischen den Bänken hockt Ludmilla und sucht mit einem Holzscheit im Schutt kreisend die Entscheidung, ob die nächste Ladung genau über ihnen abgehen soll oder ob es sich lohnt, die wenigen Wochen zu warten. Und sei es nur, daß dieser Kapo

 

 

endlich aufgibt, der zum Gebrumm der Flugzeugmotoren seine flinken Finger fahren läßt und im Halbdunkel versucht, das bißchen Fleisch noch an sich zu drücken wie schutzbefohlen. Verzerrtes Lächeln aus stacheligem Schmutzbart.

Was ist beruhigender? Die jammernde Sirene vor dem Angriff oder die Entwarnung und damit einhergehend das Verlassen des baufälligen Behelfsbunkers? Die Metallstiegen der Außentreppe hinauf und von oben noch einen Blick auf Rauchsäulen, die zwischen den Hügeln dickbäuchig aus dem Städtchen emporsteigen, dazu verwehte Geräuschfetzen einer bockigen Kirchenglocke, beim Eintritt in die lichtscheue Halle rüde unterbrochen vom Rattern der Transmissionsriemen, die penetrant unter der Decke entlang zittern und jegliches Wort verschlucken.
Lächerlich das Sprechverbot während der endlosriemenlangen Schichten. Lachhaft, wenn man es nur hören könnte. Wie Iwan drüben an der Langstoßmaschine, deren Messer ruckartig über den Führungsschlitten fahren und exakt vorgegebene Rillen  einkerben, wie er den Mund öffnet und wieder schließt wie ein empörter Fisch. Bitteres Gelächter, wenn man im Kehlkopf  spürt, daß man ein Lied singt und doch nichts als rumpelnde Treibbänder und das monotone Orgeln grünlackierter Maschinen hört.
Ludmilla schweigt. Seit Tagen ist sie der Feinschleiferei zugeteilt und hält in Minutenabständen einen Laufführungsring nach dem anderen gegen ein träge sich windendes Honwerkzeug. Drückt und stemmt die fingerdicke, geölte Buchse gegen das spitzstachelige Metall, das sich in das Gehäuse des Ringes frißt, exakt solange, bis innen kein

 

 

Widerstand mehr zu spüren ist. Exakt solange, bis Buchse nachgibt und Stachel durchrutscht, so ist es ihr vom Kapo in holprigem Deutsch anzüglich geifernd eingeschärft worden. Ludmilla schweigt und stemmt sich noch einmal mit letztem Nachdruck gegen die maschinelle Gewalt, indem sie ihren Schoß gegen die harte Metallkante der Maschine drückt und zähnebleckend in den mattgelben Schummer der weitläufigen Halle stiert. Preßt die Innenseiten noch einmal rundum gegen das Honwerkzeug, zieht abrupt die Führungsbuchse heraus und wirft sie zu den anderen in die Metallkiste zu ihren Füßen. Folgt mit ihrem Blick dem schwankenden Gang Karls, der in seinem ölverschmierten Blaumann zwischen dem rhythmischen Gestampfe hin- und herhumpelt wie ein in Not geratenes Schlachtschiff. Pantomimenhaft überzogen im Bewegungs-ablauf, daß man glaubt, das Holzbein mit jedem Schritt auf den Boden tocken zu hören. Karl, der einzige Facharbeiter, Kriegsversehrter, von dem niemand weiß, ob er freiwillig, dienstverpflichtet oder aus lauter Entschlußlosigkeit in den Heimatbetrieb zurückgefunden hat, um die Dinge, auf die er ohnehin keinen Einfluß hat, laufen zu lassen. Tockt schaukelnd durch die Halle, nimmt erstaunlich schwungvoll die Stufen der Metalltreppe, steht immer wieder unvermutet im Hintergrund mit vergangenheitslastigem Blick, der sich, ob Endsieg oder Niederlage, der Gegenwart entledigen möchte, schaut abwesend auf die Freßvorgänge der Maschinen und die Schablonengesten werkelnder Hände. Unterstreicht seine unhörbaren Anweisungen wedelnd oder mit gestrecktem Zeigefinger und packt umständehalber selbst mit an. Zieht, einen Arm zur Seite gewinkelt wie ein Flieger, die gefüllte Metallkiste am rostigen Haken über den eisenspanübersäten

 

 

Boden, um die Ränder der Führungsbuchsen von einer Gruppe ausgelaugter Karpato-Ukrainerinnen, die wie spillrige Hühner aneinandergereiht die Ringe aufpicken, entgraten zu lassen. Millimetergenau.

Im hektischen Sekundentakt fegen abgehackte Heultöne über die Blockhütten des scheinschlafenden Stalag. Jammerndes Beutesignal, das auf knarrenden Pritschen unter derben Decken niemanden mehr aufregt. Draußen stampfende Stiefeltritte, knapp hervorgestoßene Jagdrufe, wichtigtuerisches Schäferhundbellen, was ohnehin jeder weiß: daß sich wieder jemand im Starkstromdraht verfangen hat, obwohl er doch gescheiter hätte sein müssen. Jemand, der das wochenlange Nichtnäherkommen des Geschützdonners nicht aushalten konnte. Hohle Besserwisserblicke gegen das ungehobelte Gebälk und das taghelle Bild einer Gestalt, die, nun im Suchscheinwerferkreis liegend, in verkrampfter Haltung in den Drähten erstarrt ist. Theatralisch verrenkt. Eine bühnenreife Figur, die nur bis zum Bauchnabel bekleidet ist, da man allabendlich die Hosen einsammelt, um die Zebras von Ausbrüchen dieser Art abzuhalten. Warum nicht warten, anstatt zu versuchen sich halbnackt zu den Amerikanern durchzuschlagen? Warten und bis dahin Ränke schmieden. Unter Decken Kämpferisches denken. Wenigstens das. Wenigstens denken.

Im fahlen Licht der Werkshalle riecht es nach Entscheidung. In den Pausen zwischen dem Wummern amerikanischer Artillerie, das sich nun sogar in die Geräuschkulisse der Fabrikhalle drängt. Jeder riecht es: Jan, der tief gebeugt über der

 

Drallnutenziehbank die Züge spiralförmig in den Pistolenlauf schneidet. Ewa, die betont gleichgültig die gehonten und gesenkten Ringe mit Wiener Kalk bestreicht und sie anschließend im heißen Bad brüniert. Ludmilla, die sich kiefernmahlend gegen die Maschine und die Windungen des Honwerkzeuges drückt, der Kapo, der sich mit seinen Blicken in die sirrende Kopierschleifmaschine verbohrt hat: stoische Statisten, die sich in diesem Moment nichts sehnlicher wünschen als einen Fliegerangriff. Geducktes Schielen nach oben durch die verschmutzte Scheibe der Vorarbeiterkanzel, während sie geradezu das Holzbein knarzen hören, das sich soeben über die Stiege hinaufgeschwungen hat, dorthin, wo allerhand Schirmmützen versammelt sind und sich maulig wie empörte Fische über zerlegte Pistolen beugen und auf Karl einreden, ihm ständig mit Einzelteilen vor dem Gesicht herumfuchteln, lächerlich lockere Buchsen demonstrativ im Führungsschlitten schlackern lassen und daß man mit diesen Knarren nicht einmal einen Möbelwagen aus 20 Metern Entfernung treffen könne. Schnappende Münder, deren Worthülsen im Fabriklärm untergehen. Zackige Körpersprache, geballte Gesten, bis sich der Lagerkommandant abrupt umdreht und den blanken Lauf über die sturköpfigen Zebras schwenkt und wie einen Zeigefinger auf Ludmilla ruhen läßt, die nun das Honwerkzeug wie irrsinnig ohne abzusetzen durch das Innengehäuse des Metallstückes treibt und dabei offen in das ferne Mündungsrohr schaut und auf die Schirmmützen, die sich dahinter zu einem Pulk vereinigt haben.

Prosa