Kurzprosa

Kurzprosa

Nix geht                                            

Er hörte noch die besorgten Rufe seiner Frau Hans!Hans! und fühlte sich unvermutet in seinem absichtslosen Dasein gestört. Es war, als rucke nach jedem Ruf der Kopf ein wenig hoch und hindere ihn, leichthin auf dem See zu liegen, sich von den Wellen bekräuseln zu lassen und Toter Mann zu spielen. Dabei war ihm beileibe nicht wie einem Toten zumute. Im Gegenteil, reinweiße Energie durchströmte seinen regungslos auf dem Wasser liegenden Körper, eine Frische, die er so intensiv nie zuvor gespürt hatte, geradezu eine Läuterung, ein unverhofftes Revival, und dazu dieser formelhafte Vers, der gebetsmühlen-artig seine Hirnwindungen durchzog:

an jedem Ort, zu jeder Zeit,
Ruhe, Mut, Gelassenheit.

Gleichzeitig amüsierte ihn die Vorstellung, dass hier offen-sichtlich nicht Undine im Begriff war zu gehen, sondern er, Hans. Das heißt er ging nicht, nein, er blieb und tat nichts als gedankenverloren auf dem Wasser zu liegen. Und doch war es weit mehr, war es wie ein Abschied von allem bisher Dagewesenen, hatte es ihn hinausgezogen, ich geh mal ne Runde hatte er lässig bemerkt und es bald als müßig, ja geradezu unsinnig empfunden, auf dem See mitten unter dem Gekreisch der anderen Badegäste Bahnen zu kraulen, hin und her, wie ein Häftling in enger Zelle, eben so kam es ihm vor, eine nutzlose Beschäftigung, um die Fesseln des Alltages zu ignorieren, nur um wenig später wieder triefend nass dem Wasser zu entsteigen und somit dem Zweck des Ausfluges Genüge getan zu haben.
 

 

Nein, er wollte nicht mehr kraulen, Schluss mit diesem unsinnigen Abstrampeln, dieser Alibi-Aktivität, um diesen Feiertag zu rechtfertigen. Und so lag er nun still und stumm und war längst in milchig-schleierhafte Sphären versunken. Nichtstuend, ein Nix, denn es gab wahrhaftig nicht nur weibliche Nixen, wie er in die heraufziehenden Wolken hinein lächelnd konstatierte.

Ein Nix also, und diese Feststellung bereitete ihm unsägliches Vergnügen, ja es erfüllte ihn mit Befriedigung bar jeglicher niederen Gefühle. Längst hatte er sich kraft dieser Formel vom Kopfe her in Nix verwandelt, Zentimeter um Zentimeter, und gerade, als die lästigen Rufe Hans! Hans! ihn wie Schall und Rauch aus vergangenen Zeiten erreichten und seinen fischigen Kopf noch einmal rucken ließen, war er Nix vom Scheitel bis zur Gürtellinie geworden, und nur das Becken und die Beine schlingerten noch menschlich auf dem See und schienen sich zu widersetzen, vollständig mit dem Element eins zu werden.

Hans ließ sich nicht beirren. Es gab nur noch diese letzte Schwierigkeit zu überwinden, diese magische Grenze, diese Gürtellinie, Donner kündete sich von fernher an, Hans spürte, wohl eher unbewußt, dass sich das menschliche Gewimmel aus dem See ans Ufer zurückzog, es wurde stiller, Ruhe vor dem Sturm.

Vielleicht waren es die fortwährenden Rufe seiner Helga, die ihn diesen Schlußsprung nicht wagen ließen, vielleicht auch der Umstand, den er sich nicht erklären konnte und wollte: dass sein Glied nun plötzlich erigierte und sichtbar aus dem Wasser

 

stand, etwa aus reiner Vorfreude auf die bevorstehende Verwandlung oder wie ein letzter Gruß, ein finales Winken des Abschiedes vom menschlichen Dasein, von fleischlichem Verlangen, bevor er dann endgültig als vollkommener Nix in die unergründlichen Tiefen des Sees eintauchen würde.

Aber noch hatte er sich gegen Reste banaler Gedanken zu wehren, noch war da Helga, die nicht nur aufdringlich vor seinem geistigen Auge herumspukte, sondern sich leibhaftig unter rumorendem Gewölk in ein eilig gekapertes Ruderboot warf. Hans spürte instinktiv, wer sich da vom Ufer löste und auf ihn zustrebte, ihn, der anscheinend gottverlassen mitten auf dem nun vorsturm-spiegelglatten See lag, halb Hans halb Nix.

Helga schipperte ihrem Mann entgegen, das heißt sie versuchte es. Hastig und ohne erkennbaren Rhythmus in den Schlägen ruderte sie drauflos, doch so sehr sie sich auch in die Riemen legte, o Wunder, die Entfernung zwischen ihr und dem Winkenden verringerte sich nicht auch nur um einen Meter.

Es ging Helga -wozu das erwähnen?- natürlich nicht um das schwankende Glied, nein, es ging um Hans, einzig um ihren Hans. Doch der schien keinerlei Notiz von seiner bevorstehenden Rettung zu nehmen und hielt -wie auch immer- bewegungslos Abstand. Da half kein noch so gewalttätiges Rudern und hektisches Wasserpflügen. Völlig entkräftet und nach Luft schnappend wie ein empörter Fisch stellte sie ihre sinnlosen Aktivitäten ein und konnte nur tatenlos zusehen, wie sich schließlich auch dieses winkende Überbleibsel menschlicher Regung zu Wasser ließ.
 

 

Völlig unbeschwert nun Hans, dessen letzter klarer Gedanke die beengende Vorstellung gewesen sein mag, im heimischen Aquarium zu landen und zu romantischer Stunde von Helga bei Kerzenschein, einem Glas Rotwein und zu den Klängen von Iggy Pop wehmütig beäugt zu werden.

Vielleicht war diese Schreckens-Phantasie der entscheidende Schub, den er so dringend benötigte, dieses letzte Hindernis, diese eine Schwelle noch zu überwinden, sich endlich in seinen eigenen Film zu versenken, in dem Helga nicht einmal eine Nebenrolle zugedacht war. War das überhaupt noch Hans? Oder war das schon gar Nix mehr, nix Menschliches, das sich in einem letzten Hingleiten dem Wasser überließ und- ging; eben, als sich die Wolken über dem Szenario entluden und es grollend über den See rollte.

Nix ging dahin und ward nicht mehr gesehen.

Prosa