Kurzprosa

Kurzprosa

SUMATRA

Warten auf den großen Regen. Wind vertreibt die Tagesschwüle. Spielerisch zunächst. Weckt erste Wellen. Wolken wölben sich ringsumher über Kraterränder und unterwerfen den See das Land zum Schweigen. Der Vorhang wird gezogen werden, das weiß ich, allabendlich, im flackernden Signal einer Kerze. Wenn die Tiere sich ins Laub in Höhlen ducken, Menschen ihre Pfahlbauten aufsuchen und dünne fahlgelbe Lichter den kräuselnden See betanzen.
Die Kanus sind längst verschwunden. Mensch hockt hinter schmalem Fenster und horcht im Schutze der Hütte auf das langatmige Warnen des Windes.
Ich sitze auf der Veranda des Batak-Hauses und weiß, daß die Wolkenbäuche sturmschnell das Land verdunkeln werden, den See den Fährhafen am anderen Ufer. Nebel quillt zäh über die Bergkämme, schiebt sich durch dickichte Wälder, frißt sich breiig vor und rollt unaufhaltsam wie Lava meterhoch von allen Seiten die Hänge herab über den See auf die Insel zu.
Ich bin jetzt allein, umringt von grau, grau nichts als grau, und schon schlagen erste Tropfen schwer gegen das Dach. Ringe kreisen auf dem See wie von luftschnappenden Fischen, nicht lange, da fegt der Wind mit einem Mal darüber hinweg, verwischt die Spuren, wühlt auf, Rauschen, ein urplötzliches Fauchen, in den Giebeln, den Bäumen, der Wind, der Regen, ein Streifen-Behang tiefer als Gedanken, verschleierndes Meer aus Fäden, das das Schauspiel des Tages beendet und den Urwald frischetränkt. Die Kerze ist längst erloschen. Die Vorhänge sind gezogen. Der Regenwald ist eingebettet, abgetaucht, um sich im warm dampfenden Bad vom Menschen zu erholen. Ich weiß jetzt, worauf ich allabendlich gewartet habe: weit draußen im saufenden Urwald ein Bad zu nehmen.

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