Kurzprosa

Kurzprosa

Sackgasse

Völlig unerwartet taucht sie vor dem Wechselbüro auf. Eine dürre, hohlwangige Frau unbestimmbaren Alters in langem, verschlissenem Sari streckt ihre knochige Hand aus. Hupen und abgehacktes Sägen der Motor-Rikshas übertönen ihre Klagen. Die Gesten sind um so deutlicher. Sie führt eine Hand mit gestreckten Fingern zum Mund und macht Kaubewegungen, wo nichts ist. Die wenigen Zähne stehen wie dunkle gezackte Ruinen. Letzte Zeugen für einen vagen Bissen. Die Augen glanzlos vor der Wirklichkeit. Da ist allenfalls Lebensnotfeuer.
Ich habe nicht damit gerechnet. Obwohl die Armut allgegenwärtig ist. Auch hier in diesen Kapital-Schluchten der Banken- und Versicherungspaläste. Ich war in Gedanken. Heilfroh, ein so preisgünstiges Angebot gefunden zu haben. Gegenüber das Reisebüro. Cheap flights. Ich werde fast hundert Mark sparen. Auch damit habe ich nicht gerechnet.
Die Hosentaschen sind prall gefüllt mit Bündeln von Rupien. Ich bin in Eile. Übertriebene Sorge, dass mir jemand im letzten Moment diesen Billigflug vor der Nase wegschnappen könnte.
Und ausgerechnet jetzt diese skelettige Hand. Hohl geformt, wiegend, als läge bereits etwas darin, leer. Ich fingere gegen besseres Wissen in meinen Taschen nach einer Münze. Eine Geste der Verlegenheit. Im Wechselbüro habe ich die Münzen entgegen meiner sonstigen Gewohnheit in den Geldgurt geschüttet. Zu dem nun ersparten Geld, den Reiseschecks und sonstigen Wertsachen. Der Gurt ist unsichtbar unter das Hemd geschnallt. Es ist alles genau geplant, abgezählt für den Ticketkauf.
Ich habe sonst immer Münzen griffbereit. Man muss sie griffbereit haben. Für die kleinen schnellen Geschäfte. Für einen Bettler. Pro 'Tag eine Rupie für irgendeinen Bettler.
Das muss schnell gehen. Griff in die Tasche, Münze in die knochige Hand und weiter, nur nicht stehenbleiben und umständlich suchen. Man würde im Nu von geballter Armut umringt, an der Kleidung ­gezupft, gezerrt, notbedrängt.

Sie spürt meine Unsicherheit und rückt vor. Instinktiv rutscht meine Hand in die Hosentasche zurück und umschließt sichernd das Rupienbündel. Sie drängt mit der ausgestreckten Hand gegen meinen Arm. Sie hat keine andere Chance, sie muss fordern.
Ich weiche aus, versuche sie zu ignorieren und schaue über die abgashitzeflimmernde Blechlawine auf das Flugbüro wie auf ein rettendes Ufer. Ihre Stimme ist schwach. Hohl und tief aus leerem Magen. Ich fühle mich aus Schlupfwinkeln von hungrigen Augenpaaren beobachtet, die verächtlich meine Reaktion erwarten. Von einheimischen Autofahrern, die hupend an der Ampel stehen und vorwurfsvoll lauern, wie ich ausweiche. Ich versuche, nüchtern zu denken. Ich kann jetzt unmöglich das Hemd schürzen und seelenruhig im Geldgurt nach einer Münze wühlen. Ich will nur aus dieser Sackgasse heraus und spähe nach einer Lücke zwischen den hoffnungslos sich verkeilenden Rädern und Motoren.
Sie rückt nach. Sie hat keine Wahl. Ich zucke mit den Schultern, als hätte ich keine Wahl und umkurve sie auf dem Gehsteig.
Eine Weile höre ich ihre Stimme dicht hinter mir.
Bis der Straßenlärm ihre Not verschluckt.

inder
Prosa