Kurzprosa

Kurzprosa

Dies ist nicht der Mekong

 

Taa Pääng

Die dunklen Seitenstraßen von Vientiane zeigen mehr als grelles Licht. Er oder sie ist hell geschminkt, fast geisterhaft. Taa Pääng. Ein Bleichgesicht mit roten Lippen und himmelblauem Nagellack. Perfekt getarnt, dass man nicht weiß, welche Gattung Mensch das ist. Hat sich auf Reisende spezialisiert, die sich auf Sextourismus spezialisiert haben. Hockt mit übereinander geschlagenen Beinen an der Häuserwand und setzt sich in Pose, sobald jemand vorbeikommt, drückt den Rücken durch, schiebt die Brust vor. Wartet ab, ob der was will. Flüstert was, ganz leis, als er/sie merkt, dass der nichts will oder vielleicht doch, sich nur nicht traut. Also noch mal das Ganze, von der anderen Seite kommend. Wieder leises Flüstern. Som heißt er/sie.
Eine dicke Alte, laotische Tante Emma, schlurft aus ihrem kleinen Laden, schaut verschmitzt herüber und denkt sich was. Som sitzt jeden Abend draußen auf dem Plastikstuhl. Lässt sich manchmal in eine Nachtbar einladen, und wenn jemand mehr will, geht Som mit aufs Zimmer. Angst vor AIDS, jaja, aber die Eltern, warten auf Geld.
Als der Fremde seinen Rucksack aufnimmt und sich davon macht, schaut Som fragend hinterher. Hat nicht richtig verstanden, was der da wollte.

 

Unter Löwen

Endlich nach zwei Monaten Fernsuche das süße Gefühl der Verlorenheit in der Melancholie thailändischer Folklore, die da über den Mekong nach Laos schwappt. In die Grenzstadt Huaxay. Und dort in ein kleines Gasthaus, behagliche Bambusschachtel.
Man fühlt sich recht schön fremd und gleichzeitig unter seinesgleichen, reichlich fahrendes Volk am Tisch: Ein bärtiger Franzose mit Hakennase und stechendem Blick. Hat schon mal tagelang unter Löwen gelebt, beteuert seine jetzige Weggefährtin, eine Japanerin mit dunkler, rauchiger Stimme. Kreuz-Reinkarnation aus Jennis Joplin und Yoko Ono. Trägt immer eine kleine Tavla unterm Arm, lacht gern laut und mächtig wie ein Urtier, das sich auslässt. Der Bärtige nickt nur stumm zu allem. Schaut immer in die Ferne, ist niemals hier. Seine Sache ist die gesellige Runde nicht. Nickt stumm und denkt an seine Löwen, wie sie das Lager umschleichen und böse in die Nacht brüllen.
Ein englischer Althippie trinkt und schaut wehmütig über den Mekong. Auch er sieht irgendwo am anderen Ufer seinen Lebensfilm vorbeilaufen. Angeblich großer Gitarrist, der schon alles gesehen hat und dem man nichts vormachen kann, röhrt sein Kumpane mit versoffener Reibeisenstimme. Seen it all! Trinkt Mekong-Whiskey, bis er nicht mehr röhrt. Alles in allem eine ziemlich sympathische Gruppe, die sich da in Melancholie verliert, nur ab und an ein störendes Gefühl, wenn der Franzose doch im Hier ist, plötzlich konzentriert, und mit Eifersuchtsaugen verfolgt, wie seine Japanerin sich prächtig amüsiert. Wittert Ungemach. Dies hier ist nicht sein Revier, das ist nicht Afrika, das ist Glatteis. Unter Löwen wär ihm sowas nicht passiert. Im Leben nicht.
Dann ist da noch der Indianer. Frisch angestrandet vom Colorado River. Hat mal das Wasser wechseln wollen. Mürrischer Typ mit Pferdeschwanz und nackter, breiter Brust. Ein Sitting Bull der frühen Jahre. Die bittere Miene trägt er da schon. Das Wounded Knee hat auch ihn gezeichnet. Entert den Raum und bestellt Bier in etwa so, wie GI´s eine irakische Teestube betreten. Wuchtig der Mann, kein Tomahawk am Gürtel, noch kein Skalp. Dann, zu Feuerwasser, erzählt er doch: Habe jahrelang vom Schmuggel gelebt, über die großen Seen hinweg nach Kanada und zurück.
Man verabredet sich für den nächsten Morgen zum Ausritt ins Hinterland. Man will Opium, um noch ein wenig das Gefühl der Melancholie zu strecken. Nur die Bergstämme wissen noch nichts davon.

 

Dies ist nicht der Mekong

Jemand weitet die Ellbogen am Geländer. Stiert kopfüber ins Wasser. Fühlt sich flügge. Will sich endlich treiben lassen. Kommt aber nicht weg. Schüttelt den Kopf und wendet sich verbittert ab wie ein vom Sonderangebot Getäuschter. Ich bin doch nicht blöd. Für nix schon nach 50 Metern den Bauch aufschneiden lassen. So weit kommts noch. Von diesen Steinen, die wie Scherben aus dem Wasser spitzen.
Dies ist nicht der Mekong! Die Mutter der Gewässer, dieser Fluss mit seinen Strömungen und Strudeln, mitreißend allein der Anblick. Nein, dies hier ist die Wupper! Hungerleider aller Flüsse. Wieder die Wasserwerke nicht auf Zack! Kann man nicht mal was reinschmeißen. Kein Abfluss für verrostete Kinderwagen. Und das mitten im Wohlstandsgebiet. In den Untiefen der Wupper sieht man Deutschland zum Armenhaus werden. Da lässt sich nicht einfach zurückrudern. Nicht einmal gedanklich.
Oben im Fenster eine Speckige mit verquollenen Oberarmen. Hat zeit ihres Lebens dieses Rinnsal nicht einmal als Fluss begriffen. Nur als störende Linie, zu nichts nutze. Hat sich nicht einmal gefragt woher und wohin, hat nur manchmal aus den Augenwinkeln was dümpeln sehen.
Jetzt hat sie die Arme auf dem Kopfkissen verschränkt und starrt tief unter sich genau auf dieses Rinnsal, das da als Nebenfluss aus einem Rohr tröpfelt wie Abwasser. Damit sich die Wupper auch einmal als Mutter fühlen kann. Das kann sie nachfühlen dort oben, wo sie fast das Fenster ausfüllt und hinter ihr blau die Bilder flimmern. Für lau. Wo sie gespannt lauert, immer das Wasser im Blick, als wäre der Moment fürs andere Ufer greifbar nahe. Zeit zum Angriff. Sich aufzurichten, hinwegzusetzen mit einem gewaltigen Schwung vom Kissen übern Fluss, diesen Schatten seiner selbst.
Unten der Geprellte. Schaut noch einmal wütend über die Schulter. Als könnte wer was dafür, dass das jetzt nicht der Mekong war. Scheiß Steine. Hätte man sich sparen können. Wo sie nur das Fließen behindern. In Laos würd`s so was nich geben. Im Leben nich.
Wieder die Schwammige. Hat zeit ihres Lebens ihr Leben an sich vorbeiziehen sehen: die Männer, den Rauch, das Geflimmer und die Fluchten. Lächerlicher Lebensfluss, der immer irgendwie quer lief und immer in die gleiche Richtung. Hat all das an sich vorbeiziehen sehen. Hier vom Kissen aus. Tief unter sich. Wartet nun darauf, dass dieser Fluss sich staut, sich endlich aufbaut zu irrsinnigen Wellenbergen und die Straße, das Haus, die Erinnerungen, all das mitnimmt. Dass nur noch der Ellbogenabdruck auf dem Kissen bleibt.
Er, sucht das Sofa. Denkt an Laos.

 

Islandufer

Eine Frau, die seit Jahren jeden Tag ans Islandufer geht, weil sie hofft, so ihrem Mann näher zu sein, obwohl der sie ein Leben lang schikaniert hat. Also steht sie da mit gesenktem Kopf und lauscht der Unterhaltung zwischen seiner Seele und ihrem Ich, das er seinerzeit mitgenommen hat.
Seit seinem Tod lässt sie kein schlechtes Haar an ihm. Eine relativ harmonische Ehe nun, als wäre er auf Montage oder wo. Fronteinsatz. Untertagebau. Und wenn es doch einmal Streit gibt zu Hause am Küchentisch, führt sie sich die Schluss-und-aus-Tiraden ihres Mannes vor Ohren, bis wieder Ruhe ist. Dann geht sie ans Ufer und entschuldigt sich.
Unter der Brücke schimpft jemand sein Kind einen Idioten, weil es Steine ins Wasser wirft. Und weil die dreckig sind. Und überhaupt: dass das nicht ausufert. Hier in Island.
Wie sie da steht, sich festhält an vergangenen Gedanken, eine Hand an der Reling. Kalt das Geländer, wenn man es nur anschaut. Und wie der Fischreiher da unten vor der Betonwand hockt. Den spitzen Kopf unter das Abwasserrohr duckt. Fisherman`s Friend. Tut als ob. Als ob da ein Fisch wäre. Denkt sich was. Guckt in die Röhre - und denkt sich was. Vom Fische vögeln.
Was ihr wieder vorschwebt. Was sie bewegt. Und doch niemals findet. Da kann sie den Beton der Ufermauer absuchen, wie sie will. Immerhin jetzt den Reiher im Visier. Willkommene Abwechslung. Mal was Possierliches. Wie der da rhythmisch den Kopf ruckt. Als ob er sich mit Verflossenen unterhält. Betonkopf der. Pflegt seinen Hospitalismus. Bis er dann abhebt. In Richtung Zoo fliegt.

 

Loy Krathong
(für Jo Micovich)

Da will sie das Licht! Fordert es geradezu mit ausgestreckten Armen. Noch steht die Kerze aufrecht im Loy Krathong, diesem Rundboot aus Bananenblättern. Jemand hat es von den Uferstufen, die vom Tempel herabführen, aufs Wasser gesetzt. Hat einen Fingernagel hineingelegt, ein winziges Stückchen nur, und eine Haarsträhne, eine durchdachte graue. Daneben eine Lilie in weiß, sie weiß wozu. Und reichlich Gebäck. Liegt alles unter dem Licht, das nicht ausgeht, ihr zuweht, das auf dem Wasser wankt, und doch nicht untergeht, das die Biegung nimmt und außer Sicht schwimmt, aber dennoch da ist, gleichviel wo du bist, am Mekong oder fern dort an der Biegung dieses anderen Flusses.

 

Palmsonntag

Glockenschläge wehen von der Kirche herüber, betteln um Gläubige. Unten am Ufer gehen ein paar Gezeichnete auf und ab, die Hände tief in den Taschen vergraben. Sie warten auf die Tafel. Eine warme Suppe könnt`s jetzt sein.
Die Unterarme aufs rostige Geländer gestützt eine Alte im grauen Regenmantel. Hält einen Umweltbeutel in Händen und wirft Brotkrumen ins Wasser, wo keine Enten sind. Vielleicht noch im Gottesdienst.
Drüben auf der Platte treibt sich eine von der Sucht viel zu früh Aufgescheuchte herum. Schaut nach dem Dealer. Wenn der noch schläft, geht`s ihr dreckig. Das weiß sie, und so schaut sie in alle Winkel und wird mit jeder Minute armseliger, weil es ihr kalt den Rücken hinaufkriecht und die Glieder schmerzen, dass sie kaum vorwärts kann.
Die Glockenklänge schon verweht. Einige Gläubige werden knarrend ihre Knie auf die Kirchenbänke ablassen und die Sünden noch einmal an sich vorbeiziehen sehen. So viel ist sicher. So viel Ablass muss sein.
Die Gezeichneten halten nun weiße Plastikschalen in kaltroten Händen und löffeln Eintopf. Die Aufgescheuchte hat sich nun doch das Zeug für ihren Scheiß-Schuss besorgt. Verkriecht sich an einem steilen Hang über der Wupper, ein verwahrlostes Gebüsch mit Mülltüten, vergessenen Löffeln und fallengelassenen Spritzen. Gegenüber das Theater, aber das spielt keine Rolle. Eilig krempelt sie einen Ärmel hoch, zieht den Hosengürtel aus dem Bund und schnürt den Oberarm ab, stochert hektisch herum. Was für ein Theater! Die im Regenmantel schüttelt den Kopf. Da würde sie nicht mal einen Brotkrumen hinwerfen, nich einen, und wartet weiter auf Enten. Drüben am anderen Ufer ein Fischreiher, reglos mit schlapp herabhängendem Kopf. Einfach noch zu früh.

 

Wupperwunder

Wieder steht der Enttäuschte am Islandufer, beide Hände am Geländer, nun seltsam entrückt. Hat mit einem Male wahrgenommen, was er bislang nicht entdeckt hat, so oft er hier stand und in seiner Vergangenheit herumkramte: Seitenarme und Zuflüsse gleich Lebensalternativen. Wie sie aus den Mischwald bestandenen Anhöhen beiderseits des Stromes silberhell herabspringen und durch eigens für sie geschaffene Leitröhren plätschern, listig über Kilometer die mächtigen Betonplatten der breiten Alleen unterwandern, um sich endlich, dort wo kindlich hingemalte Störche und Pinguine die Ufermauern zieren, endlich genau dort in die Mutter zu ergießen. Hier der Holzer und gegenüber der Mirker Bach, namentlich sorgsam ausgeschildert und gleichsam Wunder der Natur, Zufälle, die keine sind, sondern Abläufe höheren Ortes, von der Schöpfung bestimmt. So sieht er das nun und hält staunend dieses Rohr im Blick, wie es knapp über dem Ufer wie ein Wunder aus dem Erdreich lugt und übers Wasser ragt und wie sich daraus, geradezu aus dem Nichts, der Holzer Bach in die Wupper ergießt. Das hat er gern, sich in die Mutter ergießen, sich ihr hingeben, sich vereinigen, ja, aufgeben für ein großes Ganzes. Dort wollte er sein Leben lang hin, ins Mutterwasser, das hat er gesucht, lange bevor er denken und zweifeln konnte schon, das Fruchtwasser wiederfinden und darin eintauchen.
Da schaut er noch einmal entzückt über die Schulter, lässt den Blick schweifen über die Anhöhen beiderseits, die dem Goldenen Dreieck so zum Verwechseln ähnlich sind mit all seinen dichten, undurchdringlichen Wäldern, den Pfaden für Schmuggler, den Opiumhöhlen: dies ist doch der Mekong! Dies ist die siebte Reinkarnation, ewig herbeigesehntes Findelkind aller Gewässer!
Und so stößt er sich langsam vom Geländer ab und geht wie in Trance auf das Ufer zu mit seinen fein geschliffenen Kieseln und der lehmigen Erde: Wenn hier mal nicht Gold ist! Taucht ein und sieht drüben unterm ölfarbenen Pinguin, noch verschwommen, den riesigen, schwarzglänzenden Rücken eines Wasserbüffels aus den Fluten ragen und langsam, ganz langsam aus den Tiefen waten, um sich aufs Reisfeld zu begeben, gleich hinterm Islandufer. Während er nun eintaucht, ganz allmählich, sich hingibt und vereinigt mit der Mutter aller Gewässer.

nicht der Mekong
Nicht der Mekong
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